Forggensee - 30.01.2004

Freitag, 30. Januar 2004, 10 bis 20 Uhr
12 km lang, 3 km breit
Teilnehmer: Stephanie Wagner, Robert Marciniak, Uli Aselmann, Tom Blieninger
Manche Menschen sagen, ein Laking-Bericht ließe sich recht einfach und zügig schreiben, genauso wie manche Menschen sagen, jeder deutsche Binnensee ließe sich recht einfach und zügig umrunden. Wenn es sich bei diesen Menschen um unwürdige Laien handeln würde, wäre gegen diese leicht naiven Theorien nichts einzuwenden, doch wenn sich dabei tatsächlich um ausgewachsene Seeumrunder, im Einzelfall gar Verbandsgründer, handelt, dann möchte man schon an der Kultur des Abendslandes zweifeln. Denn: Nichts ist einfach auf dieser Welt. Das sollte der 30. Januar 2004, ein Freitag, einmal mehr beweisen. Und zügig schon gar nichts. Was an diesem sonnendurchströmten Mitwintertag mit freudigem Herzen begann, endete mit einer ordentlichen Verstimmung des selben, mündete in einer Verwirrung der Gefühle, die sich zwar bald als Verirrung herausstellte, seine Kreise aber noch lange nach sich zog. Doch das ist eine andere Geschichte.
Vier frohgemute Wandergesellen wurden an jenem Freitag Morgen von einer Welt empfangen, welche geradezu dem phantasievollen Hirn unseres unvergesslichen Bayern-Königs Ludwig II. entstiegen sein könnte: Der Himmel war blau, die Sonne bestrahlte schneebedeckte Berge, alle Natur erfreute sich an diesem Winter, unter dem sie keine 24 Stunden vorher noch stürmisch und kalt gelitten hatte. Des Wanderers Herz hüpfte ob des Anblicks dieser versammelten Herrlichkeit und nichts konnte ihn aufhalten, seinen Plan auszuführen: die Umrundung des Forggensees bei Füssen, immerhin die viertgrößte Wasserfläche Bayerns - aber das wussten die tatkräftigen Fußgänger an diesem Morgen noch nicht; und wenn sie es gewusst hätten, der Ansporn wäre gar ein noch größerer gewesen.
Wohlgemerkt: Zu Beginn der Wanderung am 30. Januar um kurz vor zehn Uhr morgens, wusste niemand etwas genaues über die Größe dieses wahrlich majestätischen Sees zu Fuße des Schlosses Neuschwanstein. Wohl gab es kurze Blicke auf die Landkarte, die ergaben, dass der Forggensee wohl drei- bis viermal so groß sei wie der tags zuvor in zwei Stunden umrundete Hopfensee. Auch gab es Aussagen einheimischer Weiblichkeit, die die Umrundungszeit mit schätzungsweise vier Stunden angaben. Dass dieselbe Weiblichkeit mehr durch Rundungen glänzte als von Umrundungen wusste, war eigentlich offensichtlich. Und dass sie den Hopfensee lediglich eine Stunde veranschlagt hatte, ward schnell verdrängt und vergessen, hatte doch besonders der älteste der Wandergenossen, der Ersatz-ULF sozusagen, sämtliche Sinne auf dieses recht ansehnliche Mensch fixiert und konnte so von vornherein alle Zweifel ausschließen. Und was werden da zwei Neu- bzw. Jung- bzw. Nochnicht-Laker, zu denen sich auch der Autor zählt(e), skeptisch sein wollen. Denn: Die Sonne schien mit voller Wonne. Und immerhin handelte es sich bei jenem 30. Januar um einen Arbeitstag, um einen wichtigen Teil der Kreativ-Tage, der allseits bekannten und beliebten Produktionsfirma d.i.e.film.gmbh. Was kann denn schöner sein, als so einen Tag in freier Natur zu verbringen.
Ein Liedchen hatten Stephanie, Robert, Uli und Tom nicht auf den Lippen, als sie vom Füssener Parkplatz in Richtung Musical-Palast („Ludwig II" und so, aber zu diesem Zeitpunkt schon insolvenzbelastet verwaist) marschierten. Doch hätte einer der Gesellen eins angestimmt, hätten die anderen drei mit Sicherheit mitgesungen. „Auf du junger Wandersmann, jetzo kommt die Zeit heran..." Aber es gab ja viel genug sonstige Gesprächsstoffe, denn immerhin galt es, neue Geschichten zu ersinnen, die in absehbarer Zeit die deutsche Fernsehwelt in ähnliche Hochstimmung wie unsere vier Marschierer versetzen sollte. Zieht euch warm an, ihr Thilos und Nicos und Elos!, schallte es über den See.
Dass ebendieser See zu jedem Zeitpunkt der Umrundung nur in Umrissen zu erkennen war, störte in Wahrheit niemanden. Es war halt Winter und das Gewässer - höchstwahrscheinlich gefroren - mit einer dickem Schneeschicht bedeckt. Zudem waren immer wieder einige Zuflüsse verschiedener Größenordnungen zu entdecken und ebenso ein enormer Abfluss in Richtung Landsberg, Augsburg, Donau - das war Beweis genug für die Existenz dieses - und ich werde nicht müde, es immer wieder zu erwähnen - viertgrößten Wasserspeichers des bayerischen Freistaats.
Doch zurück zur Kreativität. Diese blühte und sprühte solange die Weglichkeiten sauber und geräumt waren, selbst als man sich nur noch auf einem Trampelpfad befand, gediehen die Storys, die Pitches, wurden aus Geistesblitzen Denkansätze und aus jenen wiederum runde Inhalte. Die vier kannten sich gut genug, um auch hintereinander Konversation zu betreiben und nicht nur nebeneinander. Ja, was so eine Freundschaft ausmacht, dachte man sich in diesen Stunden vor der Mittagspause. Da wandert man einfach und beschwingt los, ohne zu wissen, ob es überhaupt jemals zur Mittagspause kommen wird und kann. Man lachte sich an, erzählte sich lustige Geschichten von Scheidungen und weniger lustige von deren Folgen und man gestattete der einzigen weiblichen Mitwanderin sogar kurze, trübselige Zwischendurch-Gedanken, weil der Hund nicht mitgekommen war.
Wenige Worte über körperliche Phantasievolligkeiten wurden in dieser Zeit vor dem Essen verloren, eine Tatsache, die durch die sonstige ausufernde Kreativität kompensiert werden konnte. Doch wie Bier mit Apfelschorle (das man des schöneren Wortspiels wegen bitte künftig doch „gespritzter Apfelsaft" nennen sollte) zu kompensieren ist, das lässt sich wirklich nicht erklären und ist auch im Rückblick nur schwerlich akzeptieren. Es war halt so, werden die Wanderer zu ihrer Verteidigung stammeln, dass plötzlich kein Pfad mehr da war, und man durch den tiefen Schnee stapfen musste, der seinen Weg nicht nur in Ulis etwas zu leicht geratenen Sommer-Turnschuhe fand, sondern sogar in Stephs polargestählten Antarktisschuhe. Zudem galt es, einen Flussarm zu umrunden und Langlaufloipen auszuweichen, was die Sache keineswegs leichter machte. Der Hunger wurde immer größer, der Durscht immer unerträglicher und ein heimeliges Wirtshaus war nur als Fatamorgana in Sicht.
Doch die Loipe führte uns in ein Etablissement, das von außen wie ein besserer Zeltplatz-Kiosk wirkte, von innen aber nie geahnte Freuden offenbarte. Wie erwähnt, brauchte es für derartig unterernährte Kreaturen nicht viel, um sie zu verwöhnen - wer gespritztem Apfelsaft Bier vorzieht, sollte eigentlich sowieso nicht mehr ernst genommen werden. Aber ja. Die Köpfe glühten, das Mahl mundete und der Weg konnte voller Optimismus fortgesetzt werden - man unterlag ja dem leicht naiven Glauben, schon fast die Hälfte geschafft zu haben. Heute wissen wir (und bei eingehenden Studien der überall rumhängenden Landkarten wurde uns das im Laufe des Tages und des Abends auch zunehmend bewusster), dass sich es beim Forggensee nicht um einen platten See handelt, der sich einfach und praktisch ins Landschaftsbild einfügt, nein, er ist umgeben von einer Vielzahl kleiner Seen und Weihern, von hektargroßen Sumpfgebieten und wird obendrein von einem recht mächtigen Wasserkraftwerk abgeschlossen.
Das alles bedeutete, dass nach einer kurzen Idylle, die uns durch einen ländlichen Tierpark mit Vogel Strauß führte, die Strecke auf einer ganz ordentlich befahrenen Landstraße weiter gegangen werden musste. Aber nicht nur eben kurz mal, sondern schon so eineinhalb, zwei Stunden. Denn es waren weder der Verkehrsverschönerungsverein Füssen Land noch der Fremdenverkehrsverband noch die Stadtwerke dazu in der Lage, den eigens angelegten Radel- und Fußgängerweg für uns zu räumen. Die werden noch von uns hören, schrieen wir übers Moor. Aber es interessierte mal wieder keinen. Ach ja, was nicht unerwähnt bleiben sollte, dass unser Dienstältester sich zuviel gespritzten Apfelsaft hinter die Binde geschüttet und zuviel Käsespätzle in den Rachen gestopft hat, was seinem Darm ganz neue Bewegungsmöglichkeiten verlieh. Und wer's immer noch nicht kapiert hat: Laking ohne eine ordentliche Menge Bier schadet nicht nur dem Gemüt, sondern auch dem Gedärm.
Die Straße erschien unendlich, doch kurz vor der Autobahn München-Lindau erreichten wir einen wunderbar plattgewalzten Feldweg, der vermuten ließ, er würde uns wieder in See-Nähe bringen (um jetzt etwaige Proteste von vornherein zu eliminieren: Nachgewiesenermaßen handelte es sich bei unserem Weg eindeutig um die kürzest mögliche Umrundung dieses verteufelten Sees; dass wir ihn die wenigste Zeit wirklich erblickten, lag inzwischen weniger an der Schneedecke als an dem dazwischen liegenden Wald (später dann an der hereinbrechenden Dunkelheit)). Dank dieses Feldwegs erklomm unsere Stimmung neue Höhen, war doch die Konversation bis dahin mehr oder weniger abgebrochen, da wir in unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Landstraße entlang stapften und immer darauf achten mussten, nicht vom Schwerlastverkehr platt gemacht zu werden. Ja, ja, wir marschierten wieder voll des Müllers Lust und es entsponnen sich feinsinnige Gespräche über Menschen mit zuwenig Sex (leider wurde im Gegenzug dazu nicht über Menschen mit zuviel Sex gesprochen, vielleicht deshalb, weil niemand der Anwesenden solche Menschen kannte; schade eigentlich, nein traurig).
Leider war auch dieser Feinsinn von kurzer Dauer, denn jetzt brach die Phase ein, in der die Glieder zu schmerzen begonnen, man plötzlich Muskeln spürte, die man seit dem letzten Reckturnen in der Grundschule vergessen hatte und man einmal mehr darüber nachdachte, ob das Aufrechtgehen von der Evolution wirklich so eingeplant war. Die Situation wurde bei einbrechender Dunkelheit von unserer weiblichen Begleiterin, der Stephanie, gerettet, und zu diesem Augenblick hätte noch niemand damit gerechnet, dass sie kurz vorm Abschluss der Umrundung das Handtuch schmeißt. Die Stephanie erzählte folgende, hier sehr verkürzt wiedergegebene Geschichte: Eine junge Frau (so wie Stephanie vor zehn Jahren) war mal wieder mit ihrer Oma auf Reisen, diesmal in Kanada. Ein von der Oma provozierter Unfall - oder war's die junge Frau? - brachte die beiden Damen mit einem doch sehr netten, allerdings schon etwas älteren (so wie Uli heute) Kanadier zusammen. Ab diesem Zeitpunkt reiste man zu dritt, wobei man sich recht schnell einig wurde, dass die jüngere der beiden Damen das Zimmer mit dem Herren teilen sollte, damit es des Nächtens nicht so langweilig sei. Der Urlaub ging vorüber, der Kanadier besuchte die zwei Frauen und deren Familie auch mal in Deutschland. Langfristig allerdings war's der jungen Dame dann doch etwas lästig, ständig einen alten Knacker am Bein zu haben. Seitdem reist dieser immer mal wieder mit Oma durch die Welt. Ob die sich dabei auch das Zimmer teilen, ist allerdings nicht bekannt. Es geht halt nix übers wirkliche Leben.
Leider konnte die Erzählung dieser wundersamen Geschichte nicht genug Ablenkung für unsere Stephanie liefern und ihr Erschöpfungszustand wurde immer schlimmer. Da half nicht mal der unglaublich romantische Anblick des silbern bestrahlten Neuschwanstein. Dabei leuchtete des Königs Schloss als werde es vom Vollmond und den vielen tausend Sternen, die inzwischen aufgegangen waren, beschienen. Rechts der See, links das Schloss, über uns das Firmament, so humpelten wir dem immer noch nicht absehbaren Ziel entgegen. Gut acht Stunden waren inzwischen vergangen, die einzige Pause war schon einen halben Tag her. Nicht, dass wir keine weitere Pause einlegen hätten wollen, allein - es gab kein Wirtshaus. Armseliges Füssener Hinterland. Die erste Gaststätte nach der Mittagspause kam erst irgendwann nach 18 Uhr, zu einem Zeitpunkt, an dem es schon einer fast menschenunwürdige Selbstbeherrschung bedurfte, um nicht sofort rein zu rennen und soviel Bier wie möglich in sich hineinzulitern. Die mitreisende Frau widerstand dieser Verlockung nicht - trank aber lediglich Tee. Ja, ja, was hier so beiläufig erwähnt wird, ist in Wahrheit ein historisches Ereignis in der auch schon nicht mehr ganz jungen Geschichte des Laker-Verbands: Erstmals wurde eine Seeumrundung von einer Person vorzeitig abgebrochen. Das passierte tatsächlich noch nie. Höhere Gewalt.
Die drei restlichen Männer jedoch wollten es jetzt wissen: Dieser See musste doch mal ein Ende haben. Und wahrlich: Schon bald, nachdem man die Begleiterin zurück gelassen hatte, erschien das hell erleuchtete Füssen mit seinen Häuschen und Türmchen am Horizont. Dass es dann noch eine gute Stunde dauerte, bis man am Autoparkplatz angelangt war, tat auch nichts mehr zur Sache. Die Strecke wurde im Delirium zurück gelegt. Denken und fühlen - Fehlanzeige. Die Freude bei der Ankunft war verhalten, Stolz machte sich nicht wirklich breit. Jetzt ging es nur um eins: Möglichst schnell leibliche Genüsse in nie gesehener Masse zu bekommen. Vorher musste noch getankt werden sowie die Zeche bei unserer netten Mittagsbedienung bezahlt werden, was wieder ein knappes Stündchen verschlang bis man dann in der warmen Stube an Stefanies Tisch Platz nahm und - das erste Bier des Tages trank.
Stefanie konnte sich nur mittel über unsere Rückkunft freuen, zu lange hatte sie warten müssen. Was dann, nach dieser neunstündigen Mörderwanderung um das viergrößte Binnengewässer Bayerns, passierte, ist den Beteiligten und somit auch dem Autor dieser Zeiten nur noch sehr vernebelt in Erinnerung, das muss man wirklich sagen. Die Erschöpfung spielte dabei eine Rolle, Alkohol wie immer natürlich auch, vielleicht auch eine gewisse Albernheit, die die Grenze zur Dummheit schon eindeutig überschritt, und ganz klar auch fehlendes Einfühlvermögen der männlichen Seite dieses Ausflugklubs. Ereignisse und Gefühle überstürzten sich und niemand konnte das Ruder mehr rumreißen. Und dabei schien die Sonne doch so herzbeglückend.
Was vom Tage übrig blieb: Tränen und Geheul. Da gibt es nichts zu beschönigen.
Und was noch? Es wurden 36 Kilometer zurück gelegt, das darf wirklich nicht unerwähnt bleiben - fast am Stück, könnte man sagen; soviel wie noch keiner der Männer zuvor. Unglaublich.

Lakingbericht von Tom Blieninger
22.04.2004 - der Autor lebt noch und hat inzwischen auch seine schriftliche Lakerprüfung bestanden. Er ist jetzt Voll-Laker und anerkanntes Mitglied des Lakerverbandes

Links
Alter Bericht: Forggensee
Wikipedia: Forggensee
Google Maps: Forggensee

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